Mittwoch, 8. Oktober 2014

[Interview mit Robert Odei][Mein Buch des Monats] September 2014

Auch im vergangenen Monat hat mich ein Buch wieder total mitgerissen und tief beeindruckt. Es handelt sich dabei um Robert Odeis "Der Traum des Stiers".
Robert Odei hat sich außerdem bereit erklärt, mir ein Interview zu geben. Ich bin sehr stolz, euch dieses präsentieren zu können.

Autor: Robert Odei
Titel: Der Traum des Stiers
Preis: 4,99 € (eBook)
ASIN: B00D2J3L0M
Verlag: Qindie
Seiten: 531
Sprache: Deutsch
Kaufen bei Amazon: Der Traum des Stiers  

Als eingefleischter Horror-Fan hat mich das Buch von Anfang an überzeugt. Es gibt blutige bis sehr blutige Abschnitte, die aber absolut nicht das sinnlose Gemetzel sind, das man von vielen anderen Büchern kennt (nicht, dass ich das nicht auch mögen würde ;-D). "Der Traum des Stiers" würde ich sogar eher in den klassischen Horror-Bereich einordnen. Zudem ist es stilvoll und tiefgründig.

Mit dieser Leseprobe könnt ihr euch ein kleines Bild machen. Meine Rezension ist dafür ebenfalls hilfreich. 

Zum Autor:


Robert Odei, geboren 1978, ist gelernter Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste. Er lebt im Rhein-Main-Gebiet. Der Traum des Stiers ist sein Debut-Roman. Eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlichte er unter dem Titel Gottes Zirkus.

Den Autor beschäftigt seit jeher das Bizarre, Verdrehte und Surreale. Seine Geschichten handeln stets davon, auch wenn man es manchen nicht sofort ansieht.





Wie bereits erwähnt, habe ich natürlich auch ein total tolles Interview mit Robert Odei führen können. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, vor allem, weil man sich noch einmal tiefgründiger mit dem Buch beschäftigt hat. Die Antworten sind einfach spitze und man erkennt dahinter ganz klar den Schöpfer von "Der Traum des Stiers". Ein bisschen war es sogar so, als würde ich das Buch noch einmal lesen. ;-)


Steffi:
Cassandra, die Hauptprotagonistin von "Der Traum des Stiers", hat eine sehr vielschichtige Persönlichkeit. Hat eine fiktive oder reale Person den Grundstein zu Cassandra gelegt oder entspringt sie vollständig deiner Fantasie? 

Robert:
Die Idee zu Cassandra entsprang meinen Vorstellungen von der griechischen Kassandra und meinen Überlegungen, wie sie wohl in der heutigen Welt zurechtkommen würde. Ich stellte mir eine erhaben schöne Frau vor, die an prophetischen Visionen leidet, von denen sie niemandem erzählen kann, weil wir heutzutage mit solchen Dingen überhaupt nichts anzufangen wissen. Natürlich merkt ihre Umwelt, dass etwas an ihr sonderbar ist und begegnet ihr deshalb misstrauisch. 

Was ihren Charakter angeht, stellte ich mir einen düsteren, melancholischen Typ vor; in sich selbst zurückgezogen, aber nicht schwach. In ihr sollte eine Kraft ruhen, die leicht hervorbrechen konnte, wenn man Cassandra zu sehr bedrängte. 

Um das umzusetzen, überlegte ich mir, welche Menschen ich kenne, die meiner Vorstellung von Cassandra am nächsten kommen. Und so wurde Cassandra eine Mischung aus „meiner“ griechischen Kassandra und zwei Personen, die ich kenne. Und um der folgerichtigen Frage zuvorzukommen: Nein, keine der beiden Personen bin ich :) 


Steffi:
Das Buch ist sehr komplex und verknüpft gekonnt Erinnerungen, d.h. Vergangenheit mit Gegenwart. Musstest du dir für die weitreichenden Zusammenhänge einen "Bauplan" anfertigen oder schrieb sich die Geschichte einfach von der Hand? 

Robert:
Ganz zu Anfang machte ich mir keine großen Gedanken über die Zusammenhänge. Ich schrieb einfach die Geschichte nieder, so wie ich sie mir vorstellte. Etwa ab der Hälfte des Buches prüfte ich jeden Aspekt der Geschichte auf eine tiefergehende Bedeutung und arbeitete diese dann heraus. Irgendwann brauchte ich tatsächlich eine Denkstütze, um nicht vollkommen durcheinander zu geraten. Für solche Fälle habe ich ein Notizbuch, in das ich alle Ideen und Bildchen hineinkritzle. Im Nachhinein würde ich sagen, dass etwa zwei Drittel der Geschichte einfach aus mir herausgeflutscht sind, während das übrige Drittel eine regelrechte Steißgeburt darstellte. Es gab Tage, an denen ich verzweifelt bin. Diesen Frust habe ich überwunden, indem ich Abstand vom Buch nahm und anderen Beschäftigungen nachging, bis mir die rettenden Ideen kamen, um alles logisch miteinander zu verknüpfen. 


Steffi:
"Der Traum des Stiers" verwendet ähnliche Figuren, wie wir sie aus "Hellraiser" oder "Silent Hill" kennen. Bist du Fan von diesen Beiden und/oder ist es das Bizarre, das dich darin inspiriert hat? 

Robert:
Ich bin ganz allgemein ein Fan des psychologischen Horrors. Mit sinnlosem Gemetzel und Gewalt als reinem Schauwert kann ich nicht viel anfangen. Für mich muss eine Bedeutung hinter dem Schrecken stehen, die es zu interpretieren gilt. Die genannten Filme und Spiele setzen das sehr gut um, darum schaue ich mir sie immer wieder gerne an. Allerdings sind das nicht meine direkten Vorbilder. 

Was mich eher zu der Art des Schreckens im Buch inspiriert hat, sind die Bilder von Zdzislaw Beksinski, Hieronymus Bosch oder William Blake. Und noch eher als die Darstellung dieser Art des Schreckens, fasziniert mich die Frage, weshalb so viele Künstler eine solche Vorstellung der Hölle hegen. Was genau verbindet diese kreativen Geister und führt sie zu dieser speziellen Vorstellung der Hölle? Wäre es möglich, dass diese Künstler der Wahrheit auf der Spur sind, und wir nach dem Tod tatsächlich in einer Welt leben, die nach unserem Verstand geformt ist? Wohlgemerkt nicht nach unseren Idealvorstellungen des Jenseits, sondern tatsächlich nach dem Abbild unseres Geistes, so verdreht er auch sein mag. Und wie würde sich das auf uns auswirken? Was, wenn sich äußerlich unsere wahre innere Gestalt abzeichnen würde? Man stelle sich nur vor, jedem Menschen wäre seine Geisteshaltung sofort von der Gestalt abzulesen. Die Figuren in „Der Traum des Stiers“ folgen dieser Formel, die auch in den genannten Filmen und Spielen Verwendung findet. Auf eine bestimmte Weise ist dieses Bizarre an den Figuren realer als unser gewöhnliches äußeres Erscheinungsbild :) 


Steffi:
Dein aktuelles Buch hat vereinzelt philosophische Aspekte zu Themen wie: Makrokosmos, Holistik, göttlicher Evolution u.a.. Beschäftigst du dich auch privat mit diesen Theorien oder passten sie für dich inhaltlich einfach in den großen Zusammenhang des Buches? 

Robert:
Wenn ich sage, dass ich mich privat damit beschäftige, weckt das vermutlich ein falsches Bild in den Lesern. Richtig ist, dass mich die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft, der Grenzwissenschaften und auch der philosophischen Bereiche genauso interessieren wie die Tagesnachrichten. Ich habe nie ganz verstanden, weshalb sich die meisten Menschen nur für ihre allernächste Umgebung interessieren, aber nicht für die Natur der Realität oder ihre Stellung im Kosmos. Sie sehen die Nachrichten und denken, Ach, schau an, Krieg im Nahen Osten und Geisterfahrer auf der A2. Ich glaube, ich bleibe heute lieber zu Hause. Und da hört es schon auf. 

Wenn ich mich auf den neuesten Stand setze, klingt es so: Ach, schau an, Gammelfleisch im Supermarkt und vielversprechender Kandidat für das Higgs-Boson ermittelt. Ich frage mich, welche Auswirkungen das wohl auf die verschiedenen Weltanschauungen hat. 

Ob das jetzt in das Buch passt? Nun, es ist eine mögliche Form der Wahrheit, die in dem Buch geschildert wird. Im nächsten Buch könnten andere Parteien gänzlich andere Vorstellungen von der Realität haben, und um davon erzählen zu können, muss ich mich eben in jedem Bereich ein wenig auskennen. 


Steffi:
Was veranlasste dich zum Schreiben? Gab es ein Ereignis, das dich zum Schreiben angeregt hat? War es der Wunsch, deine Gedanken und Vorstellungen mit anderen zu teilen? 

Robert:
Das Geschichten- Erzählen liegt mir vermutlich in den Genen, da ich bereits mit sechs Jahren die ersten Geschichten auf Papier gekritzelt habe. Da ging es auch um Monster und wie man sie wieder loswurde. 

Zum wirklichen Schreiben inspirierte mich dann meine erste Schreibmaschine, eine Olympia SM 4, die ich von meiner Tante geschenkt bekam. Von da an tippte ich mir buchstäblich die Finger wund. Natürlich brachte ich damals nur Schrott hervor. Die ersten lesbaren Geschichten entstanden viel später, als ich bereits einen Computer besaß. 

Der Wunsch, diese Geschichten auch zu teilen, ergab sich eigentlich erst durch die positive Resonanz meiner frühen Leser, also vor etwa drei Jahren. 


Steffi:
"Der Traum des Stiers" ist dein Debüt-Roman - davor hast du Kurzgeschichten geschrieben. Nun hast du den Vergleich: Was schreibst du lieber? 

Robert:
Definitiv beides :) Für diese beiden Erzählformen habe ich gänzlich unterschiedliche Herangehensweisen. Eine Kurzgeschichte beginne ich erst dann zu schreiben, wenn ich sie vollständig im Kopf habe, so dass ich sie nur noch herunterzutippen brauche. Ich fange niemals an, bevor ich nicht weiß wie die Geschichte aufhört, welche Pointe sie in sich trägt und auf welche Frage sie hinausläuft. 

Bei einem Roman verhält es sich umgekehrt. Ich beginne mit einer starken Szene, ohne genau zu wissen, worauf die Geschichte hinausläuft. Sämtliche Fragen, Rätsel und Entwicklungen kristallisieren sich erst während des Schreibprozesses heraus. 

Beide Arbeitstechniken machen mir Spaß. Im Endeffekt bestimmt meine jeweilige Stimmung, ob ich an dem Roman weiterschreibe oder an einer Kurzgeschichte. Das einzige, was ich nicht tue, ist, zwei längere Geschichten im selben Zeitraum zu schreiben. Da könnte ich mich auf keine der beiden richtig konzentrieren. 


Steffi:
Würdest du bei einem deiner nächsten Bücher von dem Horror-Genre und dem Bizarren abrücken oder ist es genau das, was dich am Schreiben reizt? 

Robert:
Was mich am Schreiben reizt, ist die Tatsache, dass alle Geschichten im Grunde Horrorgeschichten sind :) Meine unterscheiden sich nur dadurch, dass manchmal ein wenig körperliche Gewalt vorkommt. Aber Horrorgeschichten funktionieren auch vollkommen ohne dies. 

Nehmen wir mal das Beispiel des Liebesromans. Wer würde schon behaupten, dass es sich bei diesem Genre um Horror handelt? Aber wenn wir ganz genau hinsehen, welche Elemente des Schreckens entdecken wir da? Ein Liebesroman baut Spannung dadurch auf, dass immerhin die theoretische Möglichkeit besteht, den erwünschten Partner nicht erobern zu können. Die Alternative bestünde darin, für immer allein und unglücklich zu bleiben, sich mit einem unpassenden Partner abfinden zu müssen, oder die Einsamkeit mit ständig wechselnden Partnern betäuben zu müssen. Also für mich ist das der reinste Horror. 

Oder auch ein beliebtes Motiv im Liebesroman: Man hat bereits einen Partner, den man für den richtigen hält, und dieser betrügt einen. Der Hauptprotagonist wird seelisch schwer verletzt und hat die Wahl, entweder als emotionaler Krüppel weiterzuleben, oder einen Weg zu finden, der ihn aus diesem Zustand herausführt. Wenn das kein psychologischer Horror ist, was dann? 

Schrecken an sich ist ein wichtiger Teil des Erzählens. Spannung entsteht nur dann, wenn der Leser nicht weiß, wie die Geschichte endet; ob im Guten oder Schlechten. Wie könnte ich also jemals vom Horror-Genre abrücken, ohne das Schreiben aufzugeben? 

Aber um die Frage zu beantworten: Ich bin jedem Genre aufgeschlossen. Ob und in welcher Art in den Geschichten Gewalt vorkommt, überlasse ich den Protagonisten. Ich tippe die Geschichte nur herunter :) 


Steffi:
Gibt es ein Buch/Bücher, die man deiner Meinung nach schon immer einmal gelesen haben sollte? Wenn ja, welche/s? 

Robert:
Klar, ich könnte eine ganze Liste aufzählen :) Aber wie wäre es, wenn ich nur einen Schriftsteller nenne, dem meiner Meinung nach in Deutschland zu wenig Beachtung geschenkt wird? Er heißt Jeffrey Thomas und schreibt Horror, den ich sehr faszinierend finde. 


Steffi:
Lieber Robert, ich freue mich sehr, dass du es mir ermöglicht hast, dich zu interviewen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht! Ich hoffe, dass wir bald etwas Neues aus deiner Feder lesen dürfen und wünsche dir auf jeden Fall alles Gute und viel Erfolg auf deinem weiteren Schriftsteller-Weg. 

Robert:
Vielen Dank. Auch mir hat es Spaß gemacht. Ich freue mich, dass ich die Möglichkeit hatte, dir ein Interview zu geben :) 



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