Samstag, 12. September 2015

[Rezension] Truddi Chase - Aufschrei: Ein Kind wird jahrelang missbraucht - und seine Seele zerbricht. Das erschütternde Zeugnis einer Persönlichkeitsspaltung

"Und das Lied, das die Frau in dieser Nacht ganz tief in sich hörte, war ein irisches Wiegenlied, eines, das ältere Krieger für ihre jüngeren Kameraden sangen, die in der Schlacht gefallen waren, gestorben an so schweren Wunden, daß sie das Bewusstsein nicht wiedererlangten." Zitat S. 340

Als Truddi Chase zum ersten Mal in ihrem Leben einen Psychotherapeuten aufsucht, diagnostiziert er eine multiple Persönlichkeit: Ihre eigene Person war erstarrt und an ihrer Stelle war eine Vielzahl von Persönlichkeiten getreten, die in ihrem Körper lebten und sie nach außen hin vertraten und verteidigten. Truddie Chase war sich dieses Zustandes nicht bewusst. Sie erinnerte sich auch nicht an den Grund, warum sie eine multiple Persönlichkeit entwickelt hatte: Seit ihrer frühesten Jugend war sie von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden! Wer dieses Buch einmal gelesen hat, wird es nie wieder vergessen!



Das Cover ist recht unspektakulär gestaltet. Ich würde sogar sagen, dass es eher abschreckt als anzieht oder neugierig macht. Natürlich wäre ein reißerisches Titelbild auch eher unpassend. Man sieht schemenhaft eine Person in der Mitte. Neben ihr wächst eine Blume empor, wie eine aufkeimende Hoffnung auf Erlösung. Der Titel wird nahezu riesig in einem Lila-Ton präsentiert.



Die Krankheit der multiplen Persönlichkeitsstörung hat mich seit jeher interessiert. Dieses Buch ist nun bisher das dritte, das ich zu diesem Thema gelesen habe. Nur, dass es dieses Mal keine Belletristik, sondern eine Art Autobiografie ist. Ich finde, umso nachhaltiger und erschreckender wirkt die Thematik dadurch nach.
Man hat festgestellt, dass sexueller Missbrauch, besonders im inzestuösen Bereich, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Persönlichkeitsspaltungen führt. Leider wird diese Krankheit viel zu selten diagnostiziert, da sie Ähnlichkeiten mit der Schizophrenie aufweist. Das Buch von Truddi Chase soll die Gesellschaft wachrütteln und für diese Problematik sensibilisieren.
Zukünftigen Lesern sei gesagt, dass natürlich auch diverse Vergewaltigungs- und Gewaltszenen Einzug in diese Biografie erhalten haben. Bei mir hat es dazu geführt, dass ich das Buch stellenweise zur Seite legen musste und mir die Tränen vor Wut, Ungläubigkeit und Trauer in die Augen schossen.



Nun, da dies eine Autobiographie ist, müsste es in der Regel auch nur einen Charakter geben. Aber aufgrund der speziellen Thematik ist dies hier natürlich nicht der Fall.
Neben dem Psychotherapeuten Robert A. Phillips (von den Persönlichkeiten liebevoll "Stanley" genannt), der ebenfalls Passagen zu diesem Buch beisteuert, lernt der Leser sehr viele andere Personen, Truddis Persönlichkeiten oder auch Truppenmitglieder, kennen. Es sind zu viele, um sie alle aufzählen zu können und bei weitem nicht alle Truppenmitglieder haben auch eine aktive Rolle in diesem Buch. Was der Leser aber erfährt, ist, dass Frau Chase 92! Persönlichkeiten hat. Für mich ist dies zutiefst erschütternd. Gar nicht auszudenken, was die Autorin in ihrer Kindheit erlebt haben muss, damit so viele Spaltungen vollzogen werden konnten.
Interessant, aber auch extrem traurig ist die Tatsache, dass die eigentliche Truddi Chase nicht mehr existiert. Sie ist im Alter von 2 Jahren bei ihrem ersten sexuellen Missbrauch "gestorben". An ihren Platz sind andere getreten.



Infolgedessen, dass sehr viele Personen an dieser Biographie beteiligt sind, wirkt der Text oft holperig und uneinheitlich. Ich hatte häufig Schwierigkeiten dem Geschehen zu folgen und auch, mich daran zu erinnern, was vor 30 Seiten passiert ist. Der Erzählstil ist nicht ganz linear und einzelne Abschnitte wirken dadurch etwas herausgerissen.
Viele Köche verderben den Brei. Dennoch möchte ich der Autorin die sprachlichen Probleme nicht negativ ankreiden, denn sie rühren aus der Beteiligung vieler Personen an diesem Buch her.
Man kann aber ganz klar Stanleys Abschnitte von denen der Truppen unterscheiden. Auch innerhalb der Truppensequenzen gibt es Unterteilungen in präsente, nach außen wirksame Erlebnisse und Vorgänge im Kopf der Truppe. Letztere sind fett geschrieben.



Auch, wenn dieses Buch kein richtiger Roman ist, besitzt es dennoch so etwas wie ein Ende. Natürlich kein Ende für die Multiplizität oder die Truppenmitglieder, aber ein Weg hinaus aus der Hilflosigkeit und Verzweiflung, hinein in das sich Bewusstwerden anderer Persönlichkeiten und die Verarbeitung von Schuldgefühlen.



Durch die sprachlichen Stolpersteine gewinnt man als Leser eine gewisse Distanz, die bei der bedrückenden Thematik sicherlich auf ihre Art positiv ist. Ich bewundere Frau Chase für ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen und sich ihrer Krankheit zu stellen. Sie bestärkt damit andere Opfer, sich bei der Traumabewältigung Hilfe zu holen. 
4 von 5 Isis'





Kommentare:

  1. Meine Mama hat mir das vor Jahren mal zum lesen gegeben.
    Die Vorstellung ist wirklich ziemlich schrecklich und hat mich wirklich getroffen.

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    1. Hallo,

      da stimme ich dir zu. Bei diesem Thema siegt aber letztendlich immer meine Faszination über diese Krankheit und was die menschliche Psyche fähig ist anzustellen. Sehr beunruhigend das Ganze...

      GLG Steffi

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Ich freue mich über eure Kommentare!

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