Mittwoch, 20. April 2016

[Rezension] Jonas Winner - Die Zelle

"Der Sommer wurde nicht sonnig und verschlafen. Es wurde der Sommer des Fleischwolfs. Eines Fleischwolfs, der mich in seine Zähne bekommen und in sich hineingedreht hat. Hinein in seine stählerne Kehle und die Kerben, die das Fleisch zerhacken und zerschneiden. Mein Fleisch." Zitat S. 20

Sammy ist elf und gerade mit seinen Eltern nach Berlin gezogen. Im Luftschutzbunker der alten Jugendstilvilla, die die Familie im Grunewald bezogen hat, macht er eine verstörende Entdeckung. Ein vollkommen verängstigtes Mädchen, nicht viel älter als er, ist dort unten in einer Zelle eingesperrt, die man mit Gummifolie ausgekleidet hat. Nur durch einen winzigen Schlitz hindurch kann er sie sehen. Am nächsten Tag ist die Zelle leer, das Mädchen verschwunden. Und für Sammy kann es dafür eigentlich nur einen Grund geben: seinen Vater.



Ein Zellenboden, grau und schmutzig. Er scheint von einer unsichtbaren Quelle beleuchtet zu sein. Der Rest ist in Dunkelheit gehüllt. Dieses Stück der Zelle scheint leer, aber was liegt im Dunkeln verborgen?
Zu diesem Thriller passt das Cover perfekt. Allein das, was man sieht, ist aussagekräftig genug. Hier braucht es keinen reißerischen oder schillernden Buchdeckel - schwarz in grau ist alles. 



Sammy verdächtigt seinen Vater, ein Mädchen im unterirdischen Bunker unter dem Haus gefangenzuhalten. Der Leser begleitet ihn auf der Suche nach Antworten. Wohin ist das Mädchen verschwunden? Ist sein Vater zu solch einer Tat fähig? Die Geschichte ist überaus gut gestrickt. Ständig grübelt man, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde - bei seinem eigenen Vater. Herr Winner treibt gemeine Psychospielchen mit dem Leser und nichts ist, wie es scheint.



Sam "Sammy" Grossmann ist der Hauptprotagonist in diesem Buch. Bis auf den Prolog und den Epilog sind sämtliche Kapitel Sammys Erzählungen: eine möglichst detailgetreue Wiedergabe der Erlebnisse während seiner Kindheit in Berlin. Daher sind die Passagen auch in der 1. Person dargestellt.
Im Alter von 11 Jahren zieht Sammy mit seiner Familie nach Berlin, weil seine Mutter dort einen lukrativen Job erhalten hat. Es sind gerade Sommerferien und Sammy und sein Bruder Linus haben genügend Zeit sich an Berlin zu gewöhnen. Während Linus sich ab und an mit Freunden trifft, ist Sammy allein und erkundet lieber das Grundstück. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er einen Luftschutzbunker, versteckt unter einer Hütte in ihrem Garten. In den unterirdischen Gängen findet er nicht nur eine alte Bowlinghalle, sondern stößt auch auf ein Mädchen, das dort in einem Raum eingesperrt ist und das er nur durch ein Guckloch in der Wand sehen kann. Sofort verdächtigt er seinen Vater, denn er hat ihn kurz zuvor in den Bunker hinunter gehen sehen. Von da an bricht für Sammy die Welt zusammen, denn er kann seinem Vater nicht mehr trauen. War er es, der das Mädchen dort versteckt hielt? Und anstatt sofort zur Polizei zu gehen, versucht er auf eigene Faust dahinter zu kommen - denn er liebt seinen Vater und möchte einfach nicht wahrhaben, was er vermutet.
Alle Charaktere sind unglaublich gut gezeichnet. Da Sam der Hauptcharakter ist, legt der Autor auf ihn natürlich ein besonderes Augenmerk. Sam ist nicht nur authentisch dargestellt, sondern man nimmt ihm sein Alter von 11 Jahren wirklich ab. Er ist naiv, kindlich, trotzig, manchmal etwas dümmlich und noch sehr auf seine Eltern bezogen.



Wie bereits erwähnt, beinhaltet "Die Zelle" Sammys Erzählungen zum damaligen Sommer. Zwischen Sams Passagen werden auch Kapitel gesetzt, die offensichtlich vom Mörder - und damit seinen Gedankengängen und Taten - stammen.
Der Stil ist außergewöhnlich bildlich, sodass man als Leser überhaupt keine Schwierigkeiten hat, sich in das Buch einzufinden. Das Haus, das Grundstück und alles darum und darin kann man sich so gut vorstellen als wäre man live dort. Umso bedrückender erscheinen einem dadurch die Geschehnisse.
Herr Winner schafft einen Sog, der den Leser in ein Konstrukt aus Irrungen zieht und ihn erst wieder am Ende ausspuckt. Man hat das Gefühl in einem Psychospiel gefangen zu sein. Der Autor spielt mit dem Leser wie die berühmte Katze mit der Maus.



Bombastisch! Das Ende hat es wirklich in sich. Durch Herrn Winners Katz-und-Maus-Spiel konnte ich die ganze Zeit über nicht dahinter steigen, wie der Thriller enden wird. Die Erkenntnis hat mich erst im Prolog endgültig überrollt und platt gewalzt. Danach musste ich ein paar Mal tief durchatmen und meinen Schock verarbeiten. 



"Die Zelle" ist ein unglaublich gut konstruierter Thriller mit authentischen Charakteren und einem überaus bildlichen Schreibstil. Herr Winner spielt Spielchen mit dem Leser und zieht ihn in einen Sog aus Irrungen. Mit einem überragenden Ende lässt er die Bombe platzen.
5 von 5 Isis'



Mein Dank gilt Jonas Winner, der mir das Buch zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt hat.


Hier kaufen: Die Zelle: Thriller  



Kommentare:

  1. Mich konnte das Buch leider so gar nicht begeistern. Freut mich, dass es dir so gut gefallen hat :-). Dank dir, ist mir übrigens aufgefallen, das ich den Autor falsch geschrieben habe (wie peinlich). Werde ich nachher gleich mal ändern :-D.

    Liebe Grüße,
    Vanessa

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    1. Hallo Vanessa,

      schade. Ich schaue mir gleich mal deine Rezi an. Bin neugierig. :)

      Liebe Grüße
      Steffi

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  2. Hm,
    von diesem Autoren habe ich vor einiger Zeit mal " Davids letzter Film" nichts für zarteseitet Gemüter, aber manchmal wird es halt auch härter....

    LG..Karin...

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    1. Hallo Karin,

      ich habe gestern mal nach seinen bisherigen Werken gegoogelt, aber "Davids letzter Film" ist mir dabei nicht in die Finger gekommen. Das hatte ich total übersehen. Klingt aber auch richtig spannend!

      LG Steffi

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    2. Ist glaube ich auch sein Anfangswerk gewesen..augenzwickern...

      Guten Start ins Wochenende...LG..Karin...

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  3. Na das klingt ja echt toll :) Ich muss auch ganz dringend wieder mal etwas lesen

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    1. Hallo Ti,

      dann ist dieses Buch doch die beste Gelegenheit dafür! :D

      LG Steffi

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  4. Das hört sich nach einem sehr interessanten Thriller an, der ist gleich mal auf meine Wunschliste gehüpft.
    Vielen Dank für die Vorstellung!

    Liebe Grüsse
    Carmen

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    1. Hallo Carmen,

      freut mich, wenn ich dich auf den Geschmack bringen konnte. :D Viel Spaß damit!

      Lieben Gruß
      Steffi

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Ich freue mich über eure Kommentare!

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