Freitag, 24. Juni 2016

[Rezension] Minette Walters - Der Keller

"Bitte, helfen Sie mir. Ich heiße Muna. Mr. und Mrs. Songoli haben mich gestohlen, als ich acht Jahre alt war. Ich möchte nach Hause, aber ich weiß nicht, wer meine Eltern sind und wo ich herkomme." Zitat S. 18

Munas Leben ist die Hölle. Und niemand kommt ihr zu Hilfe, denn keiner weiß, dass die Familie Songolis ihr Hausmädchen behandelt wie eine Sklavin. Dabei muss sie sich nicht nur Tag für Tag bis zur Erschöpfung um das Wohl der Songolis kümmern, sondern wird auch noch jede Nacht in einen dunklen, fensterlosen Keller gesperrt. Doch dann kehrt eines Tages der jüngste Sohn der Familie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr nach Hause zurück. Damit die ermittelnden Polizeibeamten nichts von Munas Schicksal erfahren, darf sie ihren Keller verlassen. Und diese Chance nutzt sie auch. Denn Muna ist sehr viel klüger, als alle ahnen – und ihre Pläne sind sehr viel schockierender, als irgendjemand jemals vermuten würde ...



Muna wird als kleines Mädchen von den Songolis mit gefälschten Papieren aus einem Waisenhaus "entführt" und muss fortan als Sklavin für die Familie arbeiten und ihr Dasein im Keller fristen. Es ist äußerst bedrückend zu lesen, was ihr widerfahren ist und wie sie sich im Hause Songoli fühlt. Das ist aber nur ein kleiner Teil der Geschichte. Der Rest beschäftigt sich mit Munas heimtückisch durchdachter Rache, als sie endlich aus ihrem Kellerloch heraus darf.
Frau Walters greift hier ein Thema auf, das mir bis dato eher fremd war. Und ich denke, in dieser Konstellation gibt es das auch nicht. Ohne viel Aufhebens und Vorgeplänkel wirft die Autorin den Leser sogleich in die Story.



Aufgrund der Misshandlungen durch die Familie Songoli hat Muna eine zerstörte Persönlichkeit. Niemand hat ihr beigebracht, was Gefühle sind. Stumm erträgt sie die Schläge der Mutter, der Kinder und die Vergewaltigungen des Vaters. Als der Sohn Abiola plötzlich verschwindet und die Polizei vor der Tür steht, darf sie endlich aus ihrem Keller heraus. Sie muss so tun als wäre sie die Tochter und bis zu einem gewissen Punkt spielt sie brav ihre Rolle.
Nach und nach merkt der Leser, wie schlau und berechnend Muna ist. Alles ist genau durchdacht, jedes Wort legt sie sich präzise zurecht und sogar anderen in den Mund. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, laviert sie sich geschickt aus der Situation heraus. Für meinen Geschmack hat sie etwas zu viel Glück. Alle trauen ihr blind und lassen sich von ihr einlullen. Sie stellt es zwar sehr geschickt an, aber mir erscheint es nicht ganz glaubwürdig.
Ansonsten präsentiert uns Frau Walters sehr überzeugende Charaktere. Ihre Handlungsweisen kauft man ihnen sofort ab, alles wirkt authentisch.



Ungewöhnlich, aber interessant finde ich, dass die Autorin zu großen Teilen keine wörtliche Rede verwendet. Es finden zwar Gespräch unter den Personen statt, sie werden aber ohne entsprechende Anführungszeichen dargestellt. Sehr schnell konnte ich mich an diesen Stil gewöhnen und es hat mich überhaupt nicht gestört. Im Gegenteil - es ist mal etwas anderes.
Der Leser betrachtet alles durch die Augen von Muna und kann so voll und ganz begreifen, was in ihr vor sich geht und zu was sie fähig ist.
Bisher hatte ich "Im Eishaus" von Frau Walters gelesen, aber den Schreibstil kann man mit "Der Keller" nicht vergleichen. Er wirkt distanzierter, emotionsloser. Möglicherweise lässt die gefühlskalte Art, mit der die Autorin Muna darstellen muss, nicht ihren gewohnten Stil zu. Das zeigt aber wiederum, wie wandelbar Frau Walters ist.



Das Ende ist offen, weil es der Plot zulässt. Ich bin mir ganz sicher, dass hier keine Fortsetzung zu erwarten ist. Den Schluss würde ich schlicht und ergreifend als "okay" bezeichnen, aber aus den Schuhen haut er mich nicht.



Munas "Werdegang" erscheint mir nicht ganz glaubwürdig. Alles liest sich distanziert und emotionslos. Einzig die Darstellung der Charaktere überzeugt.
3,5 von 5 Isis'



Ich bedanke mich ganz herzlich beim Goldmann Verlag und dem Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.



Kommentare:

  1. Hi :D

    Von Minette Walters wollte ich auch schon lange mal was lesen! Bin mir aber immer noch unsicher. Die Story klingt interessant, der Stil mit den Gesprächen auch, aber ich weiß nicht so recht! ;)

    Liebe Grüße
    Jessi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Huhu Jessi,

      also wenn ich dir den Tipp geben darf: Fang nicht mit diesem Buch an, wenn du Minette Walters lesen willst. Dann versuch es doch lieber mit "Im Eishaus". ;-)

      Lieben Gruß
      Steffi

      Löschen
  2. Hallo Steffi! :)

    Schade dass es dich nicht voll und ganz überzeugen konnte, denn der Klappentext klingt sehr spannend. Aber ich kann deine Kritik verstehen und finde es auch immer schade wenn etwas unglaubwürdig erscheint. Tolle Rezension! :D

    Alles Liebe,
    Jasi ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Jasi,

      danke für das Lob. ^^
      Der Klappentext hatte mich ursprünglich auch sehr angesprochen. Und da ich Frau Walters bereits kannte, musste ich zuschlagen. Aber ich muss sagen, dass sie zumindest gut schreiben kann. :)

      Lieben Gruß
      Steffi

      Löschen
  3. Hey,

    mich könnte das Buch nicht so überzeugen, da Muna viel zu emotionslos war.
    LG
    Sonja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sonja,

      das stimmt. Es wurde aber auch mehrfach begründet, wieso sie so emotionslos ist. Trotzdem hat es das ganze nicht glaubwürdiger gemacht. Wird man wirklich so emotionslos, wenn man unter diesen Voraussetzungen aufwächst? Das ist sicher auch von Persönlichkeit zu Persönlichkeit abhängig.

      LG Steffi

      Löschen

Ich freue mich über eure Kommentare!

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Meine aktuellsten Rezensionen