Mittwoch, 27. Juli 2016

[Kurzmeinung] Timur Vermes - Er ist wieder da

"Heute wurde die deutsche Sozialdemokratie von einem penetranten Wackelpudding und einer biederen Masthenne geleitet." Zitat S. 143

Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva, dafür unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende startet er gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur, sondern erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und »Gefällt mir!«-Buttons.

Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? All das und mehr: Dieser Roman ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte.



Dieses Buch ist seit seiner Veröffentlichung umstritten. Darf man darüber lachen? Darf man so etwas partout nicht lustig finden? Jeder sollte sich hierüber selbst ein Urteil bilden. Wen das Buch interessiert, der kann einen Versuch starten. Ich jedenfalls kann mir die Fragen selbst nicht abschließend beantworten.

Hitler ist auferstanden und wacht inmitten des Jahres 2011 auf. Überfordert von der Situation, nutzt er aber schnell die richtigen Kanäle (mehr durch Zufall/Glück als mit Kalkül), um sich im heutigen Deutschland Gehör zu verschaffen.
Er nimmt sich ungeschönt alle Fehler der Politik und Gesellschaft vor. Seine Witze über Angela Merkel und die Parteien sind dabei einfach saukomisch.
Aber nicht nur darüber muss man schmunzeln, sondern auch über Hitlers Ahnungslosigkeit, mit der er der Welt gegenüber tritt. So hat er mit Handys, Computermäusen und dem Internetz so seine Probleme und ist stellenweise heillos überfordert.

Der Autor verwendet lange Schachtelsätze und die Ausdrucksweise ist geschwollen. Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten damit, aber mit der Zeit konnte ich mich daran gewöhnen. Vielfach arten die Erzählungen von Hitler in Schwafeleien aus, die eine gewisse Eintönigkeit hervorrufen. Es fehlen die üblichen Spannungskurven, die Romane sonst so einnehmen. Dafür hat man umso weniger das Problem, nach längerer Zeit wieder in die Handlung einzusteigen. Der Plot ist nicht kompliziert und verlangt dem Leser nicht viel ab.

Herr Vermes bringt Hitler sehr glaubwürdig rüber. Als Leser kann man sich vorstellen, dass Hitler auf diese und jene Art denken und reden würde. Ganz gewiss war hier eine umfangreiche Recherche zu seinem Sprachstil notwendig. Auch die überaus gute geschichtliche Hintergrundrecherche muss man dem Autor hoch anrechnen. Selbst kleinste Details, die man nicht einmal im Geschichtsunterricht erfahren hat, wurden eingebaut.

Das Ende ist relativ unspektakulär - zumindest, wenn man es mit dem Film vergleicht. Und irgendwann muss Herr Vermes ja auch mal einen Cut machen, sonst verliert er sich vermutlich endlos in der Geschichte.

Kommentare:

  1. Hi :D

    Schöne Rezi! Irgendwie reizt mich das Buch auch, aber dann auch irgendwie nicht! ;) Ich weiß nicht so recht, ob das mein Humor wäre!!

    Liebe Grüße
    Jessi

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    1. Hi Jessi! :D

      Ja, das ist bei dem Buch schwierig. Ich bin auch eine ganze Weile um das Buch herum geschlichen bis ich mich "getraut" habe. Falls du die Möglichkeit hast, kannst du es ja einfach mal probieren. Bei dem Buch merkt man eigentlich recht schnell, ob es den Geschmack trifft.

      Liebe Grüße
      Steffi

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  2. Ich fand das Buch damals super und empfand es als gelungene, humorvolle Gesellschaftskritik. Geschwollen finde ich die Sprache überhaupt nicht, da wundere ich mich jetzt schon ein bisschen. Das Ende empfand ich auch als etwas erzwungen. Gar nicht so einfach, hier die Kurve zu kriegen. Es war am Ende auch nicht mehr ganz so pointiert. ☺

    Viele Grüße
    Mona

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    1. Hallo Mona,

      Hitlers Ausdrucksweise ist gehobener und auf ihre Art geschwollen. So wie er spricht, redet heute ja niemand mehr. Ich kenne zumindest niemanden - du etwa? ;-)

      Viele Grüße
      Steffi

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  3. Hallo Steffi,

    ich kann dir hier nur zustimmen, über dieses Buch sollte sich jeder seine eigene Meinung bilden. Ich habe stellenweise viel gelacht, aber im Endeffekt habe ich es als geschmacklos empfunden. Gut umgesetzt ist es allemal.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Hallo Nicole,

      ja, gut umgesetzt ist es. Interessant auch, was der Autor da alles mit einbaut.
      Aber das Buch ist wirklich eine schmale Gratwanderung.

      Liebe Grüße
      Steffi

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  4. Ich habe es gehört. Aus dem was man so gelesen hat, weiß mann, dass A.H. zu langen Monologen neigte. Das hat Vermes hinbekommen. Daher ist die teilweise Langatmigkeit vielleicht sogar Absicht?

    Dachte auch erst: soll ich? Aber der Herbst ist schon gut.

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    1. Huhu :)
      Ich vermute auch, dass es Absicht war. Vermes wollte ihn ja so authentisch wie möglich darstellen.
      Probier es doch einfach mal aus. ;-)

      LG Steffi

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